{"id":10980,"date":"2021-06-01T14:22:00","date_gmt":"2021-06-01T14:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.impacc.org\/corona-in-afrika-nicht-das-groesste-problem\/"},"modified":"2023-09-19T10:44:37","modified_gmt":"2023-09-19T10:44:37","slug":"corona-in-afrika-nicht-das-groesste-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/impacc.org\/de\/corona-in-afrika-nicht-das-groesste-problem\/","title":{"rendered":"Corona in Afrika \u2013 nicht das gr\u00f6\u00dfte Problem"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkung: Seit ich diesen Beitrag geschrieben habe, hat sich die Delta Mutante in Uganda und anderen Afrikanischen L\u00e4ndern ausgebreitet und <a href=\"https:\/\/ourworldindata.org\/coronavirus\/country\/uganda\">die Anzahl best\u00e4tigter Neuinfektionen<\/a> ist stark gestiegen. Obwohl die absolute Zahl immer noch moderat ist, ist das Gesundheitssystem teilweise bereits \u00fcberlastet und die Zahl der an oder mit Corona Gestorbenen steigt st\u00e4rker als in L\u00e4ndern mit h\u00f6heren Impfraten. Die neuen Ausgangsbeschr\u00e4nkungen verst\u00e4rken allerdings auch die unten beschriebenen Probleme.<\/p>\n<p>Ich \u00e4rgere mich mehr und mehr \u00fcber die Richtung des Diskurses zu Covid-19 in Afrika hier im Globalen Norden. In den Medien (und den meisten Diskussionen) dominieren zwei Sichtweisen: Die eine neigt zu Panik und Dramatik, berichtet von der \u201egrassierenden Ausbreitung\u201c des Virus in S\u00fcdafrika und der alarmierenden Unterversorgung mit Impfstoff und Tests auf dem Kontinent. Die andere ist vorgeblich moralisch, spricht \u00fcber Fairness und \u00fcber die ungerechte Verteilung der Impfstoffe. Beide Aussagen sind sicherlich richtig: Ja, in den meisten Afrikanischen L\u00e4ndern wird nicht viel getestet (aber wo getestet wird, wie zum Beispiel in S\u00fcdafrika, ergibt sich seit Februar eine <a href=\"https:\/\/ourworldindata.org\/covid-overview\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inzidenz<\/a> von weniger als 50). Und ja, die Verf\u00fcgbarkeit von Impfstoff weltweit ist nicht gleich und gerecht verteilt.<\/p>\n<p><!-- divi:image {\"align\":\"center\",\"id\":3242,\"width\":699,\"height\":366,\"sizeSlug\":\"large\",\"linkDestination\":\"none\"} --><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3242\" src=\"https:\/\/impacc.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Ethiopian-business-meeting-2.jpg\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"366\"><figcaption>Kundenbesuch in \u00c4thiopien<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Beiden Aussagen liegt aber die Annahme zugrunde, dass Corona in Afrika die gleichen dramatischen Auswirkungen hat wie in Europa, Latein Amerika oder Indien. Dieser Eindruck hat sich mir auf meinen letzten Ostafrika Reisen und in Gespr\u00e4chen mit unz\u00e4hligen Gesch\u00e4ftspartnern und Freunden nicht best\u00e4tigt. Im Umfeld meiner Kontakte ist bisher niemand an Corona gestorben. Allerdings kennen sie viele, die Corona hatten \u2013 nur hatten die eine Woche lang weitgehend harmlose Grippe-Symptome und konnten danach wieder zur Arbeit gehen. Verglichen mit Ebola und Malaria sind 7 Tage Husten und Fieber harmlos. Ich bin kein Mediziner, aber es wird schon einen Grund haben, dass Corona in S\u00fcdafrika die \u201eKrankheit der Reichen\u201c genannt wird und wir aus Townships, in denen das Virus ausgebrochen ist, nicht die gleichen Bilder sehen wie aus Italien, als die Pandemie dort vor einem Jahr zahlreiche Tote forderte. In L\u00e4ndern mit einem Durchschnittsalter von unter 20 wie <a href=\"https:\/\/www.worldometers.info\/world-population\/ethiopia-population\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00c4thiopien<\/a> gehen meine Kollegen davon aus, dass viele Corona hatten, ohne es \u00fcberhaupt zu gemerkt zu haben. Auch wenn nicht fl\u00e4chendeckend getestet wird, f\u00fchren einige Firmen und Hilfsorganisationen Tests an ihren Mitarbeitern durch und stellen dabei fest, dass 40-60% der Belegschaft irgendwann infiziert war. In Uganda nimmt man an, dass Hunderttausende von Impfdosen entsorgt werden mussten, weil es keine Nachfrage gab. Zugegeben, teilweise steckt Aberglauben hinter der Impfskepsis. Aber viele (und ich rede hier zum Beispiel \u00fcber Steuerberater bei den internationalen Big Four Firmen oder angesehene Architekten) sehen einfach den Nutzen einer Impfung nicht. Der verheerende Effekt der Corona Auflagen auf den Lebensunterhalt, die Ern\u00e4hrung und die allgemeine Gesundheit von vielen ist dagegen offensichtlich.<!-- divi:image {\"align\":\"center\",\"id\":3240,\"width\":700,\"height\":366,\"sizeSlug\":\"large\",\"linkDestination\":\"none\"} --><\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-3240\" src=\"https:\/\/impacc.org\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/MakaPads-staff-meeting-2.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"366\"><figcaption>MakaPads Team-Meeting in Kapala<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Europa hat die richtige Antwort auf Corona weitestgehend gefunden und ich unterst\u00fctze Ma\u00dfnahmen wie die Impfkampagne und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen, wenn Inzidenzen in die H\u00f6he schie\u00dfen. Aber wir m\u00fcssen uns auch klar machen, was Lockdowns und Isolierung f\u00fcr die meisten Afrikanischen L\u00e4nder bedeuten. Wirklich isolieren k\u00f6nnen sich nur die reichsten zehn Prozent mit eigenen H\u00e4usern oder Wohnungen, in die sie sich zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen. In einem Slum oder Township ist Selbst-Isolierung unm\u00f6glich. Ausgangsbeschr\u00e4nkungen nehmen den Myriaden von Stra\u00dfenh\u00e4ndlern, Motorradtaxifahrern und Tagel\u00f6hnern jegliche Aussichten auf ein Einkommen. So grassieren Armut und Hunger wieder in den meisten L\u00e4ndern s\u00fcdlich der Sahara. Paradoxerweise hat der Fokus auf Corona \u00e4hnlich verheerende Auswirkungen auf andere Krankheiten: So wird eine Verdopplung der ohnehin schon viel zu hohen <a href=\"https:\/\/www.who.int\/teams\/global-malaria-programme\/reports\/world-malaria-report-2020\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">400.000 Malaria-Tode pro Jahr<\/a>vorhergesagt, weil Corona-Einschr\u00e4nkungen die Gesundheitsversorgung in abgelegenen Gebieten schwierig bis unm\u00f6glich gemacht haben.<\/p>\n<p>Einfachste Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen wie das Nutzen von Moskitonetzen k\u00f6nnen nicht mehr durchgesetzt werden. In meinen Augen steckt hinter dem vordergr\u00fcndig moralischen Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine gerechte Impfstoffverteilung letztlich doch ein Eigennutzen des globalen Nordens. Es ist getrieben von der Angst vor der Einf\u00fchrung \u201eAfrikanischer Mutanten\u201c nach Europa. Hier wird ein Muster erkennbar: Selten setzt sich die erste Welt mit Leidenschaft f\u00fcr Ma\u00dfnahmen ein, die Afrika wirklich helfen w\u00fcrden, ohne dabei eigene Ziele zu verfolgen. Zum Beispiel in der medizinischen Forschung: Eine wirksame Behandlung von Aids wurde erst entwickelt, als die Krankheit sich in Europa und Nordamerika ausgebreitet hatte. Entwicklungshilfe-Budgets wurden erh\u00f6ht, als die Fl\u00fcchtlingswellen unsere Lebensweise bedrohten. Wir fordern mehr Impfungen in Afrika aus Angst vor m\u00f6glichen Mutanten. Wenn wir wirklich das Beste f\u00fcr Afrika wollten, w\u00fcrden wir uns auf die gr\u00f6\u00dften Probleme und die gr\u00f6\u00dften Chancen des Kontinents konzentrieren \u2013 nicht unsere. So gibt es endlich einen <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/health-56858158\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Impfstoff gegen Malaria<\/a>. Hierf\u00fcr sollte es einen weltweite Impfkampagne geben \u2013 eine ideale Gelegenheit, \u00e4rmeren L\u00e4ndern unter die Arme zu greifen. Hierf\u00fcr sollte es einen weltweite Impfkampagne geben \u2013 eine ideale Gelegenheit, \u00e4rmeren L\u00e4ndern unter die Arme zu greifen. Wir sollten die Europa-zentrische Sicht auf Corona aufgeben und uns mehr auf die L\u00f6sung der wirklichen Probleme in Afrika konzentrieren: die Pr\u00e4vention und Behandlung der fataleren Krankheiten. Malaria ist die offensichtlichste, andere sind \u00e4hnlich verheerend: Selbst auf der H\u00f6he der zweiten Welle in S\u00fcdafrika lagen die Zahlen der Corona-Toten weit unter denen, die an <a href=\"https:\/\/www.nicd.ac.za\/world-tb-day-2019\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der h\u00e4ufigsten Todesursache<\/a> Tuberkulose starben. Wenn die Gegenmittel mehr Opfer fordern als die Krankheit selbst, sollten diese Mittel \u00fcberdacht werden. Anstatt uns auf Impfzahlen zu fixieren, sollten wir Unternehmen aufbauen und damit den Menschen Jobs und Einkommen sichern, die durch die Pandemie alles verloren haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich \u00e4rgere mich mehr und mehr \u00fcber die Richtung des Diskurses zu Covid-19 in Afrika hier im Globalen Norden. In den Medien (und den meisten Diskussionen) dominieren zwei Sichtweisen: Die eine neigt zu Panik und Dramatik, berichtet von der \u201egrassierenden Ausbreitung\u201c des Virus in S\u00fcdafrika und der alarmierenden Unterversorgung mit Impfstoff und Tests auf dem Kontinent. Die andere ist vorgeblich moralisch, spricht \u00fcber Fairness und \u00fcber die ungerechte Verteilung der Impfstoffe.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8341,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[89,140],"tags":[],"class_list":["post-10980","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-afrika","category-gesundheit-wohlergehen"],"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10980","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10980"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10980\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10981,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10980\/revisions\/10981"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8341"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/impacc.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}